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Bearbeitung Dr. German Roßkopf
** Bearbeitung Michael Roßkopf
*** Bearbeitung Dr. Erich Sepp
Einführung
"Tangrintel" ist die
mittelalterliche Bezeichnung für die Jura-Hochebene zwischen Altmühl und
Schwarzer Laber, in deren Zentrum die Stadt Hemau liegt. Dort bildeten sich
im Jahre 1970 unter der Leitung des Apothekers und Ortsheimatpflegers Dr.
German Roßkopf (t 1986) die Tanngrindler Musikanten als vierköpfige
Volksmusikgruppe. Nach dem Tod des Grünters übernahmen Michael Roßkopf und
ab 1992 Dr. Frieder Roßkopf die Leitung der Gruppe, die sich im Laufe der
Jahre zu einer Acht-Mann Blaskapelle erweitert hat. Heute spielen bei den
Tanngrindlern Rudi Weinzierl, Christian Wein (Klarinetten), Max Maag, Ludwig
Götz (Trompeten), Dr. Frieder Roßkopf (Tenorhorn), Peter Biersack, Hans
Heigl (Baßtrompeten) und Andreas Schmidt (Tuba). Sie alle verbindet die
Freude am gemeinsamen Musizieren, der Oberpfàlzer Volksmusik und nicht
zuletzt persönliche Freundschaften.
Blasmusik war bis in die 50iger Jahre ein fester Bestandteil des täglichen
Lebens und begleitete ob auf dem Tanzboden, im Wirtshaus, zur Hochzeit oder
zur Beerdigung die Menschen durchs Jahr. SO wollen die Tanngrindler die
alten Melodien wie Schottisch, Walzer, Polka, Märsche und Baierische
(Zwiefache) in ihrem angestammten Umfeld zum Klingen bringen. Beim Kirtatanz
oder in der geselligen Wirtshausrunde fùhlen sie sich dabei mehr zu Hause
als in der trockenen Atmosphäre einer Konzertbùhne. Ihr Repertoire entstammt
zum größten Teil aus dem Spielgut der Hemauer Blaskapellen aus der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts. Damals gab es in Hemau die damalige Stadtkapelle
unter Josef Binner (*1890, t1972) und die "Neue Kapelle" des Albert Dürre
(*1875, +1956). Von beiden Kapellen besitzen die Tanngrindler Datenbücher
mit Klarinedenstimmen, deren Stücke von Dr. German Roßkopf und Michael
Roßkopf entsprechend der alten Spielweise bearbeitet wurden. Zwiefache (Baierische)
wurden von den alten Musikanten oft auswendig gespielt, daher sind die im
Hemauer Raum aufgezeichneten Zwiefachen - und Volkstanzsammlungen von Hans
Bicherl (1910) und dem Hemauer Schullehrer Otto Rammelmeier (um 1935)
weitere wichtige Quellen.
Der langjährige Tubist der Tanngrindler Musikanten Josef Spanier (*1928)
spielte selbst noch nach dem 2, Weltkrieg in der Kapelle Binner und ist so
für die Spielweise der alten Musikanten ein wichtiger Gewährsmann.
Nach ihren beiden Schallplattenproduktionen, ,Da Blechhuher'' (1987) und,
,Da Tonloher'' (1990) wollen die Tanngrindler Musikanten anläßlich ihres
25-jährigen Bestehens mit vor- liegender CD wiederum einen Querschnitt durch
ihr umfangreiches Repertoire dokumentieren.
Allen Freunden der Oberpfälzer Wirtshaus - und Tanzbodenmusik wünschen wir
mit dem ,,Gsodloch'' viel Freude beim Zuhören und Mittanzen.
Die Tanngrindler
Gsodloch:
Früher wurde in der Landwirtschaft das Gsod (Getreideabputz) auf dem Boden
aber den Stellungen für die Winterzeit als Viehfutter belagert und dann im
Bedarfsfall durch das Gsodloch wieder nach unten befördert
Zum Geleit
Als mich der jetzige Leiter der achtköpfigen Blaskapelle "Tanngrindler
Musikanten" aus Hemau, Dr. Frieder Roßkopf, bat auch die anläßlich ihres
25-jährigen Bestehens geplante 3. Schallplatte volkskundlich und musikalisch
zu betreuen, kam ich diesem Wunsch gerne nach und zwar aus zweierlei
Gründen: Erstens kenne ich dieses, heute weit über die Grenzen der Oberpfalz
hinaus bekannte und hochgeschätzte Volksmusikensemble seit seiner Gründung
im Jahr 1970 und war mit dem leider viel zu früh verstorbenen Initiator, Dr.
German Roßkopf eng befreundet.
Zweitens gehören die Tanngrindler Musikanten zweifellos zu den besten
Oberpfälzer Volksmusikanten, deren dezidierte Zielsetzung nicht die Pflege
irgendeines und irgendwo aufgezeichneten Volksmusikgutes und die Vorführung
einer aus allen ehemaligen Zusammenhängen gelösten instrumentalen Volksmusik
auf der Bühne ist, sondern das bewußte Anknüpfen an die gerade noch
erreichbare örtliche und regionale Tradition in Repertoire und Spielpraxis
sowie die Wiederbelebung in ihrer ursprünglichem brauchtümlichen Funktion
auf dem Tangrintl.
Diese "Philosophien volkstümlichen Singens, Musizierens und Tanzens
versuchte ich während meiner 25-jàhrigen aktiven Amtszeit als
Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz immer wieder zu propagieren, da ich nur
in dieser Form der lebendigen Pflege (Ausübung) eine echte Chance für den
Fortbestand authentischer, regionalspezifischer Volksmusik gesehen habe und
sehe. In diesem Zusammenhang zählen die Tanngrindler Musikanten zu den
Pionieren dieser Oberpfälzer Volksmusikrenaissance.
Natürlich hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles verändert im Vergleich
zu den Lebensbedingungen und - Verhältnissen der sog. "Binner-Kapelle'' aus
Hemau, dem Vorbild der Tanngrindler. (Zur Geschichte der Blaskapellen in
Hemau, s. Michael Roßkopf: Von Türmern Schullehrern und
Musikanten-Volksmusik in der Stadt Hemau, In: Landkreis Regensburg - Das
große Heimatbuch der südlichen Oberpfalz, Buchverlag der Mittelbayerischen
Zeitung, Regensburg 1994, S. 199-202). Die Zeiten haben sich ebenso wie die
Gesellschaft und deren musikalische Ausdrucksformen und Bedürfnisse
gewandelt.
Bestand die Binner-Kapelle noch vorwiegend aus Maurern und anderen
Handwerkern, die auf den Zuerwerb durch das Musizieren insbesondere in der
Winterzeit dringend angewiesen waren, um ihre Familien einigermaßen ernähren
zu können, so sieht die Sozialstruktur der Tanngrindler Musikanten heute
doch ganz anders aus: Sie bestehen aus einem Apotheker, Bankdirektor a.D.,
Hauptmann a.D., Schlossermeister, Elektrotechniker, Student, Zahnarzt und
Instrumentenbaumeister. In erster Linie musizieren sie aus "Span ander
Freud." und folgen weniger dem moralischen Auftrag zur Pflege. Der
Nebenerwerb ist von untergeordneter Bedeutung. Aus Liebe und Begeisterung zu
dieser Art einfacher Musik (bäuerlich-dörflicher Tanzboden - und
Unterhaltungsmusik) spielen sie all den Menschen auf, die früher wie heute
gerne "auf die Musi gehen", also bei Anlässen, wie Volkstanzveranstaltungen,
Geburtstagsfeiern, Jubiläen, Kirchweihen, Hochzeiten. Aber auch in Kirchen,
besonders wirrend der Adventszeit sowie - und dies sind neue Funktionen -
bei Ausstellungseröffnungen Tagungen, empfingen etc. liefern die
Tanngrindler die musikalische Umrahmung, wie dies anderswo je nach Charakter
der öffentlichen oder privaten Veranstaltungen eine Jazz-Band oder eine
Kammermusikbesetzung leistet.
Mit Sicherheit hat sich auch das Spielniveau gegenüber der Binner-Kapelle
gewandelt und verbessert, bei der der Kapellmeister Josef Banner, Musiker,
Maurer, Maler und Landwirt als wichtigste Parolen des Zusammenspiels
ausgegeben hatte:, abfange tout da Lenzbauer (Es- Klarinette) und afhörn tou
ma mitanand" ,schottisch ghören so schnell gspielt, daß's reißn und das
ma euerne Fehler niat so hört".
Das der Es-Klarinettist alleine begann, Ohne daß die anderen Musikanten
wußten, welches Stück er eigentlich zum besten geben wollte, war eine weit
verbreitete Musizierpraxis in der Oberpfalz. Man spielte und begleitete ja
auswendig, d.h. aus dem Kopf! Wenn dann nicht zusammen eingesetzt wurde und
der erste Takt nicht ganz so gut klappte, wie wir es heute von Rundfunk -
und Plattenaufnahmen geweiht sind, empfand dies früher niemand als Tragödie.
Bei der Tanzmusik waren und sind das mitreisen und Motivieren zum Tanzen
eben weit wichtiger als allzeit perfekte Tone im Sinne klassischer
Interpretationen. Dies weiß jeder Praktiker und Wissenschaftler, der sich
mit den Gesetzen der Volksmusik intensiver befaßt hat.
Hier sind wir bei einem der größten Probleme bei Volksmusikaufnahmen
angelangt, mit dem jede Laienmusikgruppe konfrontiert ist und stets zu
Kempten hat: hier in der kühlen Umgebung des Studios unbestechliche
Mikrophone, die jeden noch so kleinen Ausrutscher gnadenlos registrieren.
ohne die vom Publikum ausgehende Stimulation, meist Aufregung und
Angespanntsein, dort begeisterte Tänzer auf dem Tanzboden die mit Partner
und Tanzschritten beschäftigt sind und weniger auf einzelne Töne achten. Was
der Tönträger vermitteln kann ist lediglich das akustische Ergebnis. Bei
noch so perfekter Studioaufzeichnung und Wiedergabe kann die komplexe
Live-Situation mit der dazu- gehörenden lockeren Stimmung in einem
Wirtshaus, nur annähernd vermittelt werden, wohl aber bei öfteren Abhören
die an den gleichen Stellen stets wiederkehrenden musikalischen "Schwächen",
die jedoch bei normalem Gebrauch, nach dem volksmusikalischem Gesetz des
"unsauberen Spiels" (s. Felix Hoerburger: "Musical vulgaris"), nicht oder
nur geringfügig ins Gewicht fallen. Musikalische "Rasse", die Fähigkeit
mitzureißen und zum Mitmachen in Form von Mitsingen, Mittanzen oder
Mitmusizieren zu animieren sind weit- aus näherstehende Qualitäten,
wohlgemerkt in der Volksmusik.
Dem fachkundigen Tonmeister van Colosseum, Peter Collmann, ist es jedoch
trotz der Diskrepanz zwischen Live - und Studiosituation gelungen, eine
glückliche Verbindung zwischon der freien, unbekümmerten Spielart der
Tanngrindler und dem Anspruch technisch optimaler Wiedergabe Zu schaffen.
So ist mit der neuen CD der Tanngrindler Musikanten, ,'s Gsodloch'' wieder
einmal eine interessante und wertvolle Dokumentation Oberpfälzer Wirtshaus -
und Tanzbodenmusik entstanden, deren Besonderheit in der Auswahl
bodenständiger und ausklingender, auch dem heutigen Geschmack entsprechender
Volksmusikstücke liegt. Die Musizierform der Tanngrindler steht sicherlich
stark in der Tradition ihrer Hemauer Vorgängerkapellen wie "Binner'' oder,
"Dürre''. Sie beinhaltet aber auch zeitgemäße Weiterentwicklungen wie die
generelle Zweistimmigkeit in der Melodie und die gesangliche Nebenmelodie im
Tenorhorn, die als volksmusikalische Kunstform über die Spielweise der alten
Kapellen hinausgeht wo dieses Instrument im wesentlichen die 1. Stimme
verstärkte.
Gegenwärtig gelten die Tanngrindler Musikanten als ein Geheimtip für
lebendige. authentische Oberpfälzer Volksmusik und werden von vielen
Liebhabern und Verehrern geschätzt.
In bestimmten renomierten Gasthäusern, die auf regionaltypische und ordinäre
Ausstattung und Atmosphäre besonders achten, wie beim Röhrl in Eilsbrunn,
beim Winkler in Lengenfeld oder beim Deglbauer in Hemau auf dem Tanzboden,
bei offiziellen und privaten Veranstaltungen sind die begeisterten
Volksmusikfreunde das ganze Jahr aber zu hören, schaffen trotz Anonymität
unserer Gesellschaft stets künftige, gemütliche und gesellige Gemeinschaften
und bringen so überall Freude in den grauen Alltag.
Daß dies auch der vorliegenden CD überzeugend gelingt, wünsche ich ihr und
den Tanngrindler Musikanten aufrichtig.
Dr. Adolf J. Eichenseer
Bezirksheimatpfleger der Oberplalz a.D.
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